Wissenschaftsrat

Informatik in Österreich: Perspektiven und Strategien

14/11/2019

Der technologische Wandel ist als eine sämtliche gesellschaftliche Bereiche betreffender Prozess zu verstehen. Er beeinflusst das Individuum in seinem täglichen Leben wie einzelne Institutionen in ihrem Handeln und ganze Teilsysteme der Gesellschaft in deren Entwicklung.

In diesem Zusammenhang nimmt die Informatik als Kerndisziplin eine zunehmend gewichtige Rolle ein: Sie ist Innovationstreiber, bildet stark nachgefragte Arbeitskräfte aus und trägt zur „digitalen Alphabetisierung“ der Gesellschaft bei.

Vor diesem Hintergrund nahm sich der Wissenschaftsrat am 14. November 2019 zur Aufgabe, die Informatik in der österreichischen Hochschullandschaft zu durchleuchten und in einen internationalen Kontext einzubetten.

Status quo der Informatik in Österreich

Die einleitenden Überlegungen von Elmar Pichl (BMBWF) und Antonio Loprieno, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates (ÖWR), verdeutlichten, vor welchen Umwälzungen unsere Gesellschaft steht und welch tragende Rolle hierbei der Informatik zukommt. Betont wurde, dass im Rahmen des Projekts „Zukunft Hochschule“ im Zuge der Schwerpunktsetzungen in der laufenden Leistungsvereinbarungsperiode wegweisende Schritte bereits gesetzt wurden.

Auf Grundlage erster Ergebnisse der Arbeiten von CWTS Leiden widmete sich die erste Session dem Status quo der Informatik in Österreich. Die Studie zeichne durchaus ein ernüchterndes Bild, erklärte Heribert Wulz (BMBWF) eingangs. So würde beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz in den Bereich der Informatik deutlich stärker investiert. Wulz betonte jedoch, dass bereits wichtige Schritte gesetzt wurden, um eine entsprechende Dynamik ins österreichische System zu bringen. So seien bereits über 30 neue Professuren in der aktuellen Leistungsvereinbarungsperiode vorgesehen. Im internationalen Vergleich sei Österreich im Bereich der Industrie nicht so gut aufgestellt, attestierte Monika Henzinger (ÖWR). Dies sei dem Umstand geschuldet, dass in Österreich vergleichsweise nicht so viele Firmen angesiedelt seien. „Es ist im Bereich der Informatik technologiepolitisch wichtig, eine kritische Masse zu finden, Kooperationen anzustreben und die vorhandenen Stärken auszubauen“, betonte Wulz.

Danach begab sich Journalist und Moderator Jan-Martin Wiarda ins Publikum, um Vertreter einzelner österreichische Universitäten um ein Feedback zu bitten.
Wilfried Gansterer (Uni Wien) betonte, die Informatik in Österreich sei in einzelnen Gebieten exzellent; diese müssten gestärkt und besser vernetzt werden. Gründe, weshalb Österreich derzeit nicht kompetitiv sei, werden unter anderem in den aktuellen Rahmenbedingungen bei den Studien wahrgenommen. Hannes Werthner (TU Wien) sieht eine Herausforderung in der hohen Zahl der Studienbeginner, der vergleichsweise eine kleine Zahl an Lehrpersonal gegenübersteht. Zwar stünde den Universitäten hier das Mittel der Zugangsbeschränkung zur Verfügung, jedoch wurde in der Diskussion deutlich, dass im Bereich der Informatik eine große Nachfrage nach exzellentem Nachwuchs bestehe. „Der Druck nach jungen Talenten wächst stetig“, erklärte Stefan Mangard (TU Graz). In sogenannten Job-outs würden etliche kluge Köpfe bereits angeworben, noch bevor sie ihren PhD abgeschlossen hätten. Alexander Egyed (JKU Linz) erklärte, dass ein ausreichender schulischer Zugang zur Informatik notwendig wäre, um künftigen Studierenden realistische Einblicke in das Fach zu gewähren und sie vorzubereiten. So könne man auch Studienabbrechern vorbeugen. Einhelligkeit herrschte darüber, dass der Informatik für die kompetitive Grundlagenforschung ausreichende Förderungen fehlen. „Die Grundlagenforschung muss vom Staat finanziert und vom FWF verteilt werden“, fasste Henzinger zusammen.

Neue Perspektiven für die Wissenschaft

Nach der Mittagspause eröffnete Klaus P. Jantke mit seinem Impulsvortrag die zweite Session des Tages und nährte sich schlaglicht- und thesenartig anhand der Bereiche Robotik, technikunterstütztes Lernen, Künstliche Intelligenz (KI) & Psychologie sowie industriellem Design den wechselseitigen Einflüssen, die aus der Zusammenarbeit von Informatik mit anderen Disziplinen erwachsen. Dabei ging er auch auf die daraus entstehenden Ansprüche an die Forschenden selbst ein, nicht nur interdisziplinär denken und arbeiten zu müssen, sondern vermeintlich getrennte Disziplinen in sich zu vereinen. Die Informatik brauche, so sein Resümee, „Menschen, die sich zwischen die Stühle setzen können“.

Anhand der „Interdisziplinarität“ wurde deutlich, dass die Informatik einerseits fächerübergreifend zu agieren vermag, andererseits nicht als selbstständige Disziplin unterschätzt werden möchte. „Die Informatik ist eine Schlüsseldisziplin, da sie einen interdisziplinären Ansatz hat“, erklärte Gabriele Kotsits (JKU Linz). Im Bereich der Informatik würden sowohl Fachkräfte als auch nicht in spezifische Fachgebiete einzuordnende Bindeglieder gebraucht. Harald Leitenmüller (Microsoft Österreich) betonte, Österreich solle wieder „Digital Leadership“ anstreben: „Dazu muss man sich trauen, Risiken einzugehen, innovativ zu sein und bereit zu sein, die Verantwortung zu übernehmen.“ Auch dafür brauche es die Grundlagenforschung.

Chancen für Österreich im Bereich der Informatik sieht Regine Kadgien (FH Vorarlberg) in der Möglichkeit, Nischen zu finden und dafür gezielt auszubilden. Die Ansprüche an die Informatik seien groß, illustriert Mangard. „Es fanden viele Tiefenbohrungen statt, dabei entstanden Schächte.“ Hier seien Verbindungen zu knüpfen zwischen den verschiedenen Schächten, aber auch zu anderen Wissenschaftsbereichen. Dieser Ansatz der Interdisziplinarität erfordere Zeit und Ressourcen.

Strategien zur Weiterentwicklung

Die dritte Session schließlich reflektierte zunächst die gewonnenen Erkenntnisse des Tages, um darauf aufbauend in strategische Überlegungen zur Weiterentwicklung der Informatik überzugehen. Dabei galt es herauszuarbeiten, welche Schritte zur Stärkung des vorhandenen Fundaments notwendig seien, und einzuordnen, welche Rolle Politik und Wirtschaft einerseits, Wissenschaftsberatung, Wissenschaftsförderung und Hochschulen andererseits einnehmen müssten. „Es gibt vieles neu zu denken“, so Sybille Reichert (ÖWR), „nicht nur neue Studiengänge, sondern zum Beispiel auch neue Karrierepfade.“ Die Ausbildung innerhalb der Informatik müsse angepasst werden, um den gängigen negativen Konsequenzen des Fortschritts entgegen zu wirken, ergänzt Werthner. Nicht minder wichtig war es ihm, zu betonen, dass es angesichts globaler Entwicklungen geboten sei, in europäischen Dimensionen zu denken.

Die rasche Umsetzung der Exzellenzinitiative wurde allseits gefordert, es müsse sich allerdings um „wahre Exzellenz“ handeln, so Klement Tockner (FWF). Dies sei entsprechend finanziell zu unterlegen. Dem zustimmend erklärt Florian Frauscher (BMDW), die Bundesregierung würde die zentrale Bedeutung der Exzellenzinitiative anerkennen. Stephan Dreiseitl (FH Oberösterreich) fügte an, dass nicht nur Exzellenz in der Grundlagenforschung zentral für die Forschung, sondern auch in der Lehre und die Kooperation mit der Wirtschaft sei.
Einigkeit bestand darin, dass angesichts des eklatanten Fachkräftemangels nicht nur die Hochschulen, sondern bereits die Schulen in die Pflicht genommen werden müssen; nicht Tablets seien die Lösung, sondern das Wecken der Begeisterung für Informatik.

Zum Abschluss bat Jan-Martin Wiarda Martina E. Brockmeier, Vorsitzende des deutschen Wissenschaftsrates, und Antonio Loprieno auf das Podium, um den Tag zu resümieren. Die Diskussion über die Informatik in Österreich weise einige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten mit jener in Deutschland auf, wie zum Beispiel das Imageproblem der Disziplin. Die Informatik muss sich selbst als zentrale Disziplin begreifen, diese Funktion in der Praxis annehmen und auf andere Disziplinen zugehen, unterstreicht Loprieno und betont: „Die Informatik ist im Zeichen der digitalen Wende das neue Latein.“

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