Wissenschaftsrat

Conference Proceedings

Throughout its existence, the Austrian Science Council sees itself not only as an advisory body, but also as a platform-creating organisation. In this sense, relevant and urgent topics of science and science policy have been and are being taken up and negotiated in the form of conferences.

The documents are equally a written memory of the events and a presentation of the status and further developments of the discussions.

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2019
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04/19 more

Bereits zum zweiten Mal richteten die Wissenschaftsräte aus Deutschland und Österreich im Spätherbst 2018 eine gemeinsame Tagung aus. Stand bei der Premiere im Frühsommer 2017 die Differenzierung der Hochschulen im Vordergrund, ging es in der zweiten Veranstaltung nun um Zustand und Zukunft des Peer Review. An zwei Tagen unternahmen rund 180 Teilnehmende aus Österreich und Deutschland zunächst eine Bestandsaufnahme des Begutachtungswesens mit teils überraschenden Innenansichten aus der Praxis wie auch Beiträgen aus der Wissenschaftsforschung. Es folgten eine Analyse des Reformbedarfs im Begutachtungswesen und im letzten Themenblock schließlich die Diskussion konkreter, teils schon in der Erprobung befindlicher Ansätze zu dessen Weiterentwicklung. Das Palais Ferstel in der Wiener Herrengasse bot erneut einen prächtigen Rahmen für Diskussionen in unterschiedlichsten Formaten ebenso wie für vielerlei Gespräche am Rande.

Die Eröffnung übernahm der österreichische Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Heinz Faßmann, der seine Grußworte auch nutzte, um Bedeutung wie Schwierigkeiten von Qualitätsmessungen in der Wissenschaft aus seinem doppelten Erfahrungshintergrund als Wissenschaftler und Politiker zu skizzieren. Daran knüpften die Vorsitzenden beider Wissenschaftsräte, Martina Brockmeier und Antonio Loprieno, in ihrer Bestandsaufnahme der verschiedenen Aktivitäten beider Wissenschaftsräte zum weiteren Themenfeld an. Während sich der deutsche Rat über die Auseinandersetzung mit der Bewertung und Steuerung von Forschungsleistungen (2011) und Empfehlungen zur wissenschaftlichen Integrität (2015) schließlich dem Zustand des Peer Review zuwandte (Positionspapier zu Begutachtungen im Wissenschaftssystem 2017), positionierte sich der österreichische Rat zunächst zur Messung und Beurteilung von Qualität in der Forschung (2014) und setzt sich derzeit intensiver mit Bibliometrie auseinander. Martina Brockmeier ging in ihrer Keynote des Weiteren auf die innerwissenschaftlichen und die gesellschaftlichen Gründe für gute Begutachtungsprozesse, ihre zentralen Herausforderungen und die vom deutschen Wissenschaftsrat Ende 2017 vorgeschlagenen Leitlinien und Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Begutachtungswesens ein. Antonio Loprieno unternahm anschließend eine vertiefte Analyse der vielfach diagnostizierten Krise des Begutachtens zwischen einem „digitalen Modell“ der Begutachtung mittels Bibliometrie und einem „analogen Modell“ des Peer Review vor dem Hintergrund der stark wachsenden Nachfrage nach und Produktion von Gutachten.

Diese Einführung in das Tagungsthema setzte der Journalist und Moderator Jan-Martin Wiarda mit einer Reihe schlaglichtartiger Bestandsaufnahmen zum Peer Review fort. In schneller Reihenfolge führte er fünf Interviews „zur Bedeutung und Verbreitung von Begutachtungen im Wissenschaftssystem“ – worin Perspektiven aus den Bereichen Hochschulleitung, Fachvertretung, Verlagswesen, Forschungsförderung und Industrieforschung einflossen. Den Anfang machte der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl, der skizzierte, wie für die erfolgreiche Durchführung von Berufungen jedes Jahr dreistellige Zahlen von Gutachten verarbeitet werden müssen, die als vergleichende Begutachtungen den höchsten Nutzen entfalten können. Tassilo Schmitt, Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages aus Deutschland berichtete von neuen Unwuchten im Begutachtungswesen der von ihm beobachteten Fächer, wo zunehmend unveröffentlichte Gutachten für die Auswahl von Zeitschriftenaufsätzen nachgefragt würden, allerdings auf Kosten von Rezensionen, die als öffentlich rezipierbarer Begutachtungen von Monographien weiterhin hohen Wert hätten. Daran anschließend gab Gabriella Karger vom gleichnamigen Medizin-Verlag aus der Schweiz Einblicke in die Verwendung von Gutachten, die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Gutachtenden und auch neue Herausforderungen durch Open Access-Publizieren. Klement Tockner, Präsident des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, führte mit über tausend Lektürefällen pro Jahr die Spitze des Gutachtenkonsums in dieser Interviewrunde an. Er thematisierte den Wert von Enthusiasmus in Gutachten und die Bedeutung, Anreize zur Übernahme von Begutachtungsaufgaben künftig noch besser verstehen zu können. Den Abschluss bildete das Interview von Armin Leng, Associate Director Science Relations, Public Funding Merck, der auf die Rolle von Gutachten aus der Industrie in Auswahlverfahren für die Wissenschaft und die Lernfähigkeit des Wissenschaftssystems durch solche externe Impulse zu sprechen kam.

Diese unterschiedlichen Innenansichten aus der alltäglichen Nachfrage und Verwendung von Begutachtungen konfrontierten Dagmar Simon aus Berlin und Thomas König aus Wien in zwei Kurzvorträgen mit dem Stand der Wissenschaftsforschung. „Effekte und Defekte – Das Begutachtungswesen auf dem Prüfstand“, lautete der Titel dieser Session. Thomas König nahm dazu Bezug auf die Verwendung von Peer Review als Entscheidungsgrundlage in der projektbasierten Forschungsförderung am Beispiel des European Research Councils. Er zeigte auf, wie die vergleichsweise neue Förderinstanz sich auf Exzellenz als zentrales Entscheidungskriterium fokussierte und Auswahlentscheidungen in einem aufwändigen Verfahren mit wenigen, transdisziplinär organisierten Panels vornehme bei hoher transnationaler Wirkung. Unter der Überschrift „Peer Review under Review“ skizzierte Dagmar Simon dann über die Forschungsförderung hinausreichend Normen, Akteure und Praktiken des Begutachtens. Sie verwies dabei auf notwendige Überprüfungen von Routinen, um altbekannte Probleme des Peer Review systematischer zu untersuchen, aber auch neuere Entwicklungen wie Altmetrics, Impact-Messungen oder Citizen Science/Peers aus anderen gesellschaftlichen Bereichen auf ihre sinnvolle Integration in ein „Peer Review Extended“ zu überprüfen.

Den Abschluss der zweiten Session und gleichzeitig auch des ersten Veranstaltungstages bildete eine Podiumsdiskussion, in der der Neurogenetiker und Open-Science-Aktivist Björn Brembs, der Organisations- und Wissenschaftsforscher Fabian Hattke sowie der Präsident von Science Europe, Marc Schiltz, zu den Vorsitzenden beider Wissenschaftsräte hinzustießen. Hier wurden nicht nur die in der bisherigen Bestandsaufnahme ausgemachten Probleme des Peer Review nach Neuigkeit sortiert, sondern ebenso Brücken zum zweiten Veranstaltungstag geschlagen, indem konkrete Reformvorschläge eingebracht und andiskutiert wurden. Dazu gehörte die Diagnose, dass das Begutachtungswesen von den durch die Digitalisierung eröffneten Möglichkeiten bisher erstaunlich wenig Gebrauch mache. Die Experimentierfreude bei Verlagen und Förderern als Hauptnachfragern von Peer Review sei in dieser Hinsicht zwar unterschiedlich, überwiegend aber gering ausgeprägt. Nach wie vor sei zu wenig Empirie zum Peer Review verfügbar, doch die Annahme erschien plausibel, dass die Gesellschaft nicht zwingend eine totale Begutachtung von allem fordere, wohl aber qualitativ hochwertige Verfahren. Die Öffnung der Diskussion ins Publikum zeigte wie schon bei den vorherigen Veranstaltungspunkten erneut, dass es weit mehr Fragen als Zeit für deren Beantwortung gab, so dass der erste Veranstaltungstag in vielerlei kleinen und größeren Gesprächsrunden bei einem Glas Wein ausklang.

Revolution oder Evolution – wie geht es weiter mit Begutachtungen“ lautete die Eröffnungsfrage für den zweiten Veranstaltungstag. Jan-Martin Wiarda moderierte fünf Mini-Debates, in denen verschiedene Reformvorschläge zum Peer Review jeweils einer temporeichen Pro/Contra-Debatte unterzogen wurden. Zufallsentscheidungen und Losverfahren diskutierten Irene Dingel, vormaliges Mitglied des deutschen Wissenschaftsrates, mit Henrike Hartmann von der Volkswagen Stiftung, die ein entsprechendes Experiment in der Forschungsförderung unternimmt. Über die Einbeziehung von Nachwuchswissenschaftlern als Gutachtende debattierten Martina Hawenith-Newen vom österreichischen Wissenschaftsrat mit Christian Hof von der Jungen Akademie. Diese Debatte fiel im Unterschied zur ersten weniger kontrovers aus, wie auch das abschließende Stimmungsbild aus dem Saal zeigte, das eine deutliche Präferenz für eine systematischere und transparentere Einbeziehung des Nachwuchses in Begutachtungsausgaben offenlegte. Wie aus dem Publikum angemerkt, käme es aber wesentlich auf die Dosis an, die eben nicht toxisch sein dürfe – im Sinne einer Überlastung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Sarah de Rijcke vom CWTS in Leiden diskutierte mit Manfred Nettekoven als Kanzler der RWTH Aachen über Indikatorik statt oder vor Begutachtungen. Anstelle einer einfachen Gegenüberstellung wurde auch hier – ähnlich zur „Dosierung“ von Begutachtungen für Nachwuchswissenschaftler - eher ein differenziertes Bild gezeichnet von den Vor- und Nachteilen beider Zugänge für unterschiedliche Fragestellungen. Ein Vorrang der Indikatorik wurde vom Publikum abschließend so deutlich abgelehnt wie schon vor Beginn der Debatte. Über Wertschätzung/Vergütung von Begutachtungen diskutierten Achim Hopbach von AQ Austria mit Ijad Madsich von ResearchGate. Hier wie auch beim Stimmungsbild aus dem Publikum zeigte sich wenig Begeisterung für monetäre Anreize, wohl aber für mehr Wertschätzung des Begutachtens und auch einen wohlüberlegten Einsatz der Ressource Gutachter. Den Abschluss bildete die Auseinandersetzung mit Open Peer Review im Austausch von Simone Fulda, vormals Mitglied des deutschen Wissenschaftsrates, mit Meike Weißpflug vom Berliner Naturkundemuseum. Die Unschärfe des Begriffs wurde hier ebenso thematisiert wie die vielfach noch fehlenden Ergebnisse von Begleitforschung zu unterschiedlichsten Reformvorschlägen unter dieser Überschrift – ein Schicksal, das übrigens für viele der in dieser Session diskutierten Reformideen zuzutreffen schien.

In ihrem Abschlussvortrag zu „Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in der Öffentlichkeit“ unternahm Julia Fischer von der Universität Göttingen und dem Deutschem Primatenzentrum den Versuch, abschließend eine Außenperspektive auf die Herausforderungen von Begutachtungen in und für die Wissenschaft einzunehmen. Dazu stellte sie äußerst kurzweilig Ergebnisse einer Umfrage unter Freunden und Verwandten zum Thema vor, die sie in eine breitere Betrachtung der Frage einbettete. So gerieten auch ungewöhnliche Perspektiven auf Begutachtung ins Blickfeld, etwa der CO2-Fußabdruck durch Reisen zu Begutachtungen, aber auch Reaktionen auf die Replikationskrise oder die jüngst von einem Recherchekollektiv aufgedeckten Probleme des Predatory Publishing. Am Ende der nicht repräsentativen Umfrage stand das Fazit, dass Herausforderungen der Begutachtung die Öffentlichkeit überwiegend doch (zu?) wenig interessierten, was aber keine Entschuldigung dafür sein könne, sich aus der Wissenschaft heraus künftig nicht intensiver mit Prozessqualität und Verbesserungsmöglichkeiten des Peer Review auseinanderzusetzen.

Nach anderthalb Tagen mit vielfältigen Einblicken in Nutzung, Herausforderungen und Reformversuche des Begutachtungswesen unternahmen mit Alexandra Gerlach und Sybille Reichert zwei Mitglieder des deutschen bzw. österreichischen Wissenschaftsrates abschließend den Versuch einer Zusammenfassung, in den auch das Publikum eingebunden wurde. Zu diesem Resümee gehörte, dass die Vorschläge zur Reduktion der Begutachtungsnachfrage zwar überschaubar blieben, ein starkes Interesse und möglicherweise bisher unterschätztes Potential unter dem „Stichwort Künstliche Intelligenz“ verortet wurde, womit weniger das Ersetzen von Gutachtenden als ihre Unterstützung durch neuartige Verfahren und Software gemeint wurde. Großes Interesse zeigte sich auch daran, wie sich Rahmenbedingungen des Systems – bspw. das Verhältnis von Projektfinanzierung zu institutioneller Finanzierung – auf Begutachtungsbedarf und -kultur auswirken. Einige Diskussionsbeiträge knüpften große Hoffnungen daran, dass ein Teil der öffentlichen Mittel von der begutachtungsintensiven wettbewerblichen Drittelmittelvergabe wieder in die Grundfinanzierung verschoben werden könnte. Am Ende der Tagung wurde von verschiedenen Seiten schließlich nachgefragt, wo und wie weitere Reformen am Begutachtungswesen nun auf den Weg gebracht werden könnten. Beispiele aus der jüngsten Zeit zeigen, dass verschiedene Institutionen im Wissenschaftssystem Möglichkeiten zur Reform bereits aufgreifen. So gingen die Teilnehmenden in Wien schließlich vorwiegend optimistisch auseinander, dass weitere Institutionen des Wissenschaftssystems sich in nächster Zeit der zahlreichen Herausforderungen im Begutachtungswesen annehmen werden.

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FALTER 23/17 HEUREKA 03/17

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2016
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05/16 more

Konferenzband 2

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2015
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05/15 more

Konferenzband 3

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2014
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06/14 more

Analyse der Leistungsvereinbarungen 2016 - 2018 und Empfehlungen (November 2016)

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2013
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05/13 more

Lehren Lernen-die Zukunft der Lehrerbildung

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2012
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10/12 more

Wissenschaftliche Karriere und Partizipation - Wege und Irrwege

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2011
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03/11 more

Kooperation und/oder Wettbewerb?" - Zum Verhältnis von universitärer und außeruniversitärer Forschung